23/06 Diskussion über den Goldstandard PDF Drucken E-Mail

Bernd Niquet, Autor zahlreicher Bücher und Verfasser täglicher Marktberichte und Kolumnen machte mir vor wenigen Tagen den Vorschlag, die Vor- und Nachteile des Goldstandards zu diskutieren.

Bernd Niquet vertritt die typische Meinung, daß „der Goldstandard ein zu enges Korsett für eine wachsende Weltwirtschaft darstellt, welches, wenn man an ihm festgehalten hätte, verhindert hätte, daß unser Wohlstand heute so groß ist, wie er ist“. Er findet allerdings den Einwand bedenkenswert, daß die Zeit des Goldstandards bis Anfang der 70er Jahre die wirtschaftlich beste Zeit der Nachkriegsgeschichte war, was eher für als gegen einen Goldstandard sprechen würde.

Ich halte es für extrem spannend, sich diesem Thema zu stellen, da es nach dem Zusammenbruch des aktuellen Währungssystems wichtig sein wird, sich über eine tragfähige Basis für ein stabiles Weltwährungssystem zu einigen. Wichtige Grundlagen und weiterführende Überlegungen zu diesen Themenkomplex finden Sie auch in den Büchern von Murray Newton Rothbard: „Das Schein-Geld-System“ und von Reinhard Deutsch: „Das Silber-Komplott“.

Bernd Niquet eröffnet die Diskussion mit folgenden drei Überlegungen

Wir sind uns sicherlich einig darin, daß das grundlegende Problem der Weltwirtschaft und der Weltfinanzen darin liegt, daß die Zahlungsbilanz der Führungsmacht USA sehr bald (schon Ende der 50er Jahre) von einem Überschuß in ein Defizit gekippt ist. Dadurch wurden der Welt keine Reserven mehr im Kreditweg, sondern durch Konsumausgaben zur Verfügung gestellt, was einen Widerspruch zur eigentlichen Führungsaufgabe ergibt. D`accord?
Wie hätte man das nun lösen können? Der Goldautomatismus des Goldstandards hätte verlangt, daß das Defizitland USA Gold verliert und eine Spar- und Deflationspolitik macht, und ein Überschußland wie die Bundesrepublik spiegelbildlich dazu Goldzuflüsse verzeichnet und inflationiert. Doch das wollten beide Länder nicht. Die Bundesrepublik wollte zwar, daß die USA eine Sparpolitik durchführen, selbst aber nicht inflationieren, und die USA drängten zwar die Deutschen zum Inflationieren, verweigerten aber eine eigene Sparpolitik. Sehen sie das auch so?
Ich behaupte daher, daß es schon damals eigentlich gar keinen Goldstandard gegeben hat. Auf jeden Fall gab es keinen außenwirtschaftlichen Goldautomatismus. Politisch wäre das auch gar nicht machbar gewesen, denke ich, denn eine derartige Selbstbindung und eine demokratisch-autonome Verfassung schließen sich gegeneinander aus. Ob die Einlösungspflicht des Dollars in Gold den Geldumlauf und die Kreditvergabe damals wirksam begrenzt haben und begrenzen konnten, da bin ich auf Ihre Meinung gespannt. Weil ich jedoch von Aldcroft weiß, daß bei der Bank of England selbst in der „Blütezeit“ des Goldstandards vor dem Ersten Weltkrieg nur zwei bis drei Prozent des Notenumlaufs (!) durch Gold gedeckt waren, habe ich hier natürlich erhebliche Zweifel.
Da es sich um einen umfassenden Themenkomplex handelt, können zwangsläufig nicht immer alle Detailprobleme aufgearbeitet werden, um nicht den roten Faden zu verlieren. Ich werde daher versuchen, immer nur die wichtigsten Aspekte herauszugreifen und so deutlich wie möglich antworten zu können.

Zu (1) Im Gegensatz zu Herrn Niquet halte ich das Problem des Handels- und des Zahlungsdefizits der USA nur für ein Detailproblem des Weltwährungssystems und nicht für ein grundlegendes Problem. Dieses Detailproblem muß aus Übersichtsgründen an einer anderen Stelle besprochen werden, s. Antwort zu (3). Für das grundlegende Problem des Weltwährungssystems halte ich das Fehlen der „Wertaufbewahrungsfunktion“ des Geldes. Dieser Mangel hat weitrechende Folgen:

Sparen in Geld ist unmöglich, da das Geld durch die ständige Ausweitung der Geldmenge an Kaufkraft verliert. Dem kann nur entgegengewirkt werden, in dem das Geld unter dem Eingehen von mehr oder weniger großen Risiken verliehen wird, wobei dem Staat durch die Möglichkeit der Besteuerung auch noch eine Zugriffsmöglichkeit auf die durch Zinsen erhaltene Risikoprämie gegeben wird.
Investitionen sind durch den ständigen Kaufkraftschwund des Geldes nur mit hohen Zinszahlungen auf Kredite durchzuführen, was sich hemmend auf die Investitions-bereitschaft auswirkt.
Die Konstruktion des Papiergeldsystems führt zu einer ungerechten Verteilung des Wohlstands in der Bevölkerung. Um so besser der Zugang zu „frischem“ Geld bei der Geldschöpfung ist, desto größer sind die Vorteile des Einzelnen oder von Institutionen in einem Papiergeldsystem.
Zu 1. Bei einem Goldstandard kann dagegen in Geld gespart werden, da das Geld seine Kaufkraft nicht verliert. Eine Erhöhung der Goldmenge führt nicht zu einer Inflation, da die Produktion des Goldes einen Aufwand bedeutet und das Gold angekauft werden muß. Der Geldumlauf erhöht sich also nur dann, wenn der entsprechende Gegenwert in Gold von einer Zentralbank angekauft wird. Inflation bei einem Goldstandard wäre demnach nur theoretisch denkbar, wenn ohne Gegenleistung von außen neues Gold in das System eingebracht würde. Im Papiergeldsystem ist es dagegen so, daß ohne Gegenleistung neues Geld geschöpft wird und der Gegenwert des Geldes im Vergleich zur Gütermenge sinkt, was nichts anderes als eine Umschreibung für Inflation ist. Auch empirisch hat sich gezeigt, daß die Kaufkraft des Geldes bei einem Goldstandard erhalten bleibt. So ist nachgewiesen, daß es in Frankreich über 100 Jahre! zwischen 1814 und 1914 keinerlei Inflation gab.

Zu 2. Es liegt auf der Hand, daß bei einem Goldstandard die Zinsen viel niedriger liegen, als im aktuellen Papiersystem, da nicht ständig gegen die Geldentwertung angekämpft werden muß. Investitionen rechnen sich daher viel schneller, was das Wirtschaftswachstum extrem fördert.

Zu 3. Ein wichtiger Punkt ist für mich auch der soziale Aspekt des Währungssystems. Es ist derzeit besonders augenscheinlich, daß der Wohlstand durch das Papiergeldsystem extrem ungerecht verteilt wird. Sie finden täglich unzählige Belege dafür in den Wirtschaftszeitungen. Von der aktuellen weltweiten Geldmengenausweitung profitieren in der ersten Linie die Banken, die Rekordgewinne einfahren. Zuflüsse erhalten Hedgefonds, wobei die Gehälter der Manager geradezu explodieren und bereits in Einzelfällen die 1.000 Mio $ Jahresgewinn!-Schwelle überschritten haben, während auf der Arbeitnehmerseite um eine Erhöhung der Stundenlöhne um 0,20 Euro/Stunde gekämpft werden muß. Bei einem Goldstandard wäre der Kapitalmarkt mit dem Geldmarkt eng verflochten, so daß eine solche Entwicklung undenkbar wäre.

Zu (2) „Der Goldautomatismus des Goldstandards hätte verlangt, daß das Defizitland USA Gold verliert und eine Spar- und Deflationspolitik macht, und ein Überschußland wie die Bundesrepublik spiegelbildlich dazu Goldzuflüsse verzeichnet und inflationiert.“

Die Deflation wird in der aktuellen Diskussion praktisch immer negativ dargestellt. Oft wird Deflation auch mit Depression und Arbeitslosigkeit gleichgestellt, die nur mit einer Politik der Ausweitung der Geldmenge nach Keynes bekämpft werden kann. Wenn man sich die Mühe macht, auch nur etwas genauer darüber nachzudenken, muß einem klar werden, daß dies eigentlich völliger Unsinn ist und Angst und Schrecken nur verbreitet werden, um das den eigenen Vorteilen dienende Papiergeldsystem zu erhalten. Deflation bedeutet im Prinzip nur, daß bestimmte Preise fallen. Was ist denn bitte so schlimm an fallenden Preisen, außer daß dann die oben beschriebene Umverteilung nicht mehr funktioniert? Bei fallenden Preisen kann ich bei einem unveränderten Einkommen mehr kaufen und mein Wohlstand steigt. Wenn ich als Staat meine Rentenversprechen nicht halten kann und den Rentnern daher Kaufkraft wegnehmen will, bin ich dagegen auf die „segensreiche“ Inflation angewiesen, bei denen die Rentner bei gleichbleibenden Renten ihre Kaufkraft verlieren. Bei einem Goldstandard muß ich meine Versprechen dagegen einlösen.

Zu (3) „Ich behaupte daher, daß es schon damals eigentlich gar keinen Goldstandard gegeben hat. Auf jeden Fall gab es keinen außenwirtschaftlichen Goldautomatismus. Politisch wäre das auch gar nicht machbar gewesen, denke ich, denn eine derartige Selbstbindung und eine demokratisch-autonome Verfassung schließen sich gegeneinander aus.“

Dieser Einwand ist teilweise berechtigt. Auch nach meinen Erkenntnissen wurde der Goldstandard nach dem 2. Weltkrieg im Gegensatz zum Goldstandard bis 1914 nicht mehr eingehalten. Dennoch hat er halbwegs funktioniert, da sich die Bevölkerung so verhalten hat, als ob er funktionieren würde. Bis zum 15. März 1968 konnte ja auch jeder jederzeit 35 Papierdollar in 1 oz Gold tauschen. Damit zu argumentieren, daß der Goldstandard nicht funktioniert, weil seine Regeln nicht eingehalten werden, ist unsinnig. Natürlich kann der Goldstandard nur funktionieren, wenn die Regeln eingehalten werden – aber das gilt ebenso für jedes Fußballspiel. Daß der Goldstandard aus politischen Gründen nicht gewünscht wird, liegt daran, daß der Goldstandard praktisch keine Möglichkeiten zur Vermögensumverteilung außer der Erhebung von Steuern zuläßt. Natürlich ist es für jede demokratisch gewählte Regierung einfacher, die Umverteilung mit dem Mittel der Geldpolitik statt der Steuerpolitik vorzunehmen.

Die Bindung an den Goldstandard nimmt den Regierungen die Möglichkeit zur Manipulation der Vermögensumverteilung. Eine Kriegsfinanzierung, die finanziell nichts anderes bedeutet, wäre unter einem Goldstandard ebenfalls nicht möglich. Unter der Beibehaltung des Goldstandards hätten weder der 1. noch der 2. Weltkrieg, der Vietnamkrieg noch der illegale Angriffskrieg der USA gegen den Irak (Wortlaut des Uno-Generalsekretärs Kofi Annan) finanziert werden können. Alle diese Kriege wurden und werden letztendlich mit der Vermögensentwertung durch die Ausweitung der Geldmenge von der Bevölkerung bezahlt.

Auch die riesigen Handelsbilanzungleichgewichte wären bei einem Goldstandard nicht möglich. Die Frage ist nur: Wer will sie haben und wer profitiert davon? Das Handelsbilanzdefizit der USA bedeutet nichts anderes, als daß die USA Güter importieren und dafür Papiergeld exportieren. Über diesen Punkt muß solange nachgedacht werden, bis er klar ist. Die Gegenleistung der USA für ihre Importe, ist der Export von Papiergeld! In China arbeiten viele Menschen für 1 oder
2 $/Tag, um Güter für den US-Konsum zu produzieren. In den USA werden als Gegenleistung Dollars gedruckt. China hat mittlerweile 1.000 Mrd davon. Ein Ausgleich ist nicht mehr möglich. Sollte China versuchen, für dieses Papiergeld Güter zu erwerben, würde der Gegenwert der Dollars dem entgegenstreben, aus was er gemacht ist, nämlich aus Papier (wenn überhaupt). Hätte China den Gegenwert ihrer Exporte in Gold angelegt, würde die Kaufkraft als Gegenwert der geleisteten Arbeitskraft dagegen erhalten bleiben. Würde es zwischen China und den USA einen Goldstandard geben, dann hätten sich diese nicht mehr zu bewältigenden Ungleichgewichte nicht aufgebaut. Politisch wurde von den USA gewollt, daß die Bevölkerung durch den Export von Papiergeld vom Wohlstand profitiert, der in anderen Ländern erschaffen wird. Aber ist das gerecht und langfristig tragfähig?

Wir dürfen auf die Antworten gespannt sein, die in der nächsten Ausgabe wieder aufgegriffen werden sollen. Falls Sie Anmerkungen haben oder Verbesserungsvorschläge haben, freuen wir uns über Ihr Email oder Fax.