24/06 Diskussion über den Goldstandard (2. Teil) PDF Drucken E-Mail

Der 1. Teil der Diskussion wurde in Ausgabe 23/06 veröffentlicht.

Zunächst möchte ich mich für alle Kritik, Fragen und Anmerkungen bedanken, die in die zukünftige Diskussion mit einfließen werden. Einer der entscheidenden Punkte in der Diskussion über den Goldstandard ist die Frage nach der Höhe der Geldmenge und der Frage, ob die Geldmenge mit der Gütermenge steigen muß, um das Wachstum nicht zu gefährden. Durch die fast perfekte Propaganda glauben selbst Anhänger des Edelmetalls Gold und Sympathisanten des Gold-standards an das Märchen, daß die Geldmenge steigen muß, um das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden. Vielfach wird auch geglaubt, daß zu wenig Gold vorhanden ist, um die Wirtschaft mit ausreichend Liquidität zu versorgen, so daß höchstens ein Teil des Geldes durch Gold gedeckt werden könnte.

Dazu beispielhaft auch Herr Niquet:
„Doch es gibt ja nun auch noch andere Wirtschaftsgüter als das Gold. Was ist denn, wenn neue Fabriken gebaut werden, die Produkte herstellen, die am Markt verkauft werden können? Dazu jetzt die entscheidende Frage: Darf dafür auch neues Geld von der Zentralbank emittiert werden? Beispielsweise gegen die Diskontierung von Wechseln der Fabrikanten? Jedoch ohne den Zufluß oder Abbau von neuem Gold?

Das ist die alles entscheidende Frage!
Wenn Sie jetzt sagen „Ja, das darf der Fall sein“, können wir die Diskussion in ihrem Kern eigentlich bereits hier beenden, denn dann gibt es keinen Dissens mehr. Denn dann wären Sie von Ihrer Goldbindung abgerückt, und ich würde ebenfalls zustimmen, da ich nicht anders als Sie der Meinung bin, daß neues Geld nur in dem Umfang entstehen sollte, wie auch neue Güter und Dienstleistungen hervor gebracht werden. Dann können wir darüber diskutieren, ob die Zentralbankpolitik der letzten Jahrzehnte klug war oder nicht – aber das Thema Goldbindung wäre dann erledigt.

Sollten Sie jedoch mit einem „Nein“ antworten, dann müßten Sie erklären, wie in einer derartigen Wirtschaft neue Investitionen, die sich nicht auf den Abbau von Gold beziehen, überhaupt möglich sind.“

Und hier meine Antwort:

Zunächst einmal zeigt die Realität, daß Wirtschaftswachstum durch den Goldstandard nicht behindert wird. So wuchs die europäische Wirtschaft im 19. Jahrhundert mit großen Wachstums-raten. Es wurden zahlreiche Erfindungen gemacht, die Produktion vervielfachte sich, der Wohlstand stieg, Kranken- und Rentenversicherungen wurden eingeführt. All dies wurde durch eine gleichbleibende Geldmenge nicht behindert. Die Inflationsraten lagen über 100 Jahre bei Null und die Handelsbilanzen zwischen den Ländern des Goldstandards waren ausgeglichen. Die Unterschiede zwischen arm und reich blieben weitgehend konstant bei einem steigenden Niveau. Um auf die Frage von Herrn Niquet zu reagieren: Offensichtlich sind Investitionen, die sich nicht auf den Abbau von Gold beziehen bei einem Goldstandard möglich. Warum auch nicht? Sie sind Realität von 100 Jahren Wirtschaftsgeschichte. Der Goldstandard hat Investitionen bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 eher begünstigt, als verhindert.

Dagegen beobachten wir seit 1968, dem endgültigen Ende des Goldstandard eine gewaltige Ausweitung der weltweiten Geldmengen ohne wirkliches, weiteres Wohlstandswachstum. Erfindungen setzen sich immer langsamer durch, Kranken- und Rentenversicherungen werden schrittweise abgebaut. Frauen steigen in den Arbeitsprozeß ein, um das schwindende Realeinkommen der Männer (in vielen Haushalten hat in den 60er Jahren das Einkommen des Mannes ausgereicht, um eine Familie zu ernähren) auszugleichen, die Haushaltsdefizite sind nicht mehr auszugleichen und immer schwieriger finanzierbar, was zu einer permanenten Ausweitung der Steuerlasten führt, die Handelsbilanzen können nicht mehr ohne Zusammenbruchskrise ausgeglichen werden, die tatsächlichen (nicht veröffentlichten) Inflationsraten führen zu einer sich beschleunigenden Verarmung immer breiterer Schichten und die Unterschiede zwischen arm und reich vergrößern sich. Wenn also die Ausweitung der Geldmenge für das Wirtschaftswachstum nötig ist, warum wächst dann das BIP bei einer Ausweitung der Geldmenge von 8-10 % nur noch um 1-3 %? Warum müssen die Kranken- und Rentenversicherungen abgebaut werden und warum gelingt es nicht, die enorme Steigerung der Produktivität durch Innovationen, so umzusetzen, daß die gesamte Bevölkerung vom Wohlstandswachstum entsprechend profitiert?

Um die Wirkungsweise des Goldstandards im Vergleich zum heutigen Papiergeldsystem zu veranschaulichen, bleibt uns nichts anderes übrig, als eine Modellvorstellung zu entwickeln, die den Unterschied der Wirkungsweisen der beiden Systeme verdeutlichen kann. Dabei müssen zwangsläufig Vereinfachungen gemacht werden, die es in der Folge zu überprüfen gilt. Da die Zusammenhänge unserer Wirtschaft extrem komplex sind, versuche ich dabei, möglichst nahe an der zu beobachtenden Wirklichkeit zu bleiben.

Stellen wir uns einmal vor, in unsere heute funktionierende Wirtschaft sind folgende Vorgänge und Bestandteile eingebettet: 3.000 t (3.000.000.000 Gramm) Gold, eine jährliche Produktion von 1 Mio Autos und eine jährliche Produktion von 10 Mio Computern. Um uns etwas vom Euro zu distanzieren, führen wir die Goldmark ein und legen den Wert von 10 Mark pro Gramm fest, woraus sich eine Geldmenge von 30.000.000.000 Goldmark errechnet.

Das freie Spiel der Marktkräfte ergibt, daß 1 Auto für 30.000 Mark und 1 Computer für 3.000 Mark gehandelt werden. Der Wert für 1 Auto entspricht demnach dem Wert von 3.000 Gramm Gold, der Wert von 1 Computer entspricht demnach dem Wert von 300 Gramm Gold. Wichtig für die folgenden Überlegungen ist dabei, daß die Goldmenge konstant bleibt und sich die Geldmenge nicht erhöht, da das Geld sonst nicht mehr zu 100 % durch Gold gedeckt wäre.

Um das Verständnis für die Wirkungsweise des Goldstandards zu erleichtern, kann man sich vorstellen, daß es zwischen allen Wirtschaftsobjekten Austauschverhältnisse gibt. So kann beispielsweise der Preis für das Auto neben dem Geld=Gold auch in Computern ausgedrückt werden: 1 Auto kostet demnach 3.000 Gramm Gold oder 10 Computer. Der Ausdruck des Preises für das Auto von 30.000 Goldmark und von allen anderen Produkten kann demnach immer auch in Goldgewicht oder anderen Gütern ausgedrückt werden. Wir rücken damit von unserer einengenden Sichtweise des Preisausdrucks der Güter in einer Währung ab und stellen uns vor, daß bei allen Transaktionen eigentlich nur ein Tausch von einem Produkt gegen ein anderes Produkt vorgenommen wird. Ein Autokäufer tauscht demnach 3.000 Gramm Gold gegen ein Auto, ein Computerkäufer tauscht 300 Gramm Gold gegen einen Computer. Der Autokäufer könnte jedoch genauso gut annehmen, 10 Computer gegen ein Auto zu tauschen. Das Modell läßt sich beliebig erweitern. Zum Beispiel könnte das Tauschverhältnis von einem Friseurbesuch bei
0,01 Computern liegen.

Das Geld ersetzt bei einem Goldstandard damit nur das Gold im täglichen Wirtschaftsverkehr, da es ja jederzeit zu 100 % wieder in Gold getauscht werden könnte. Gold als Maßstab ist deshalb so vorteilhaft, da es im Vergleich zu Computern oder anderen Gütern weltweit akzeptiert wird, einen hohen Wert auf kleinem Raum beinhaltet, nicht gefälscht werden kann und im Angebot weniger flexibel als andere Wirtschaftsgüter ist.

Wir sind in unserer Vorstellung also in einer Tauschwirtschaft angelangt, in der Papiergeld im Verhältnis von 1:1 immer in Gold getauscht werden kann. In unserer Vorstellung wird also immer nur Geld an Stelle von Gold gegen andere Waren oder Leistungen getauscht. Die Arbeitsleistung wird in Gold getauscht, dieses wird in Autos getauscht, dieses wieder in Computer … . In unserer Vorstellung bleibt die Geldmenge dabei konstant, da sich der Weltgoldbestand durch die Neuförderung nur geringfügig vergrößert, was wir in unseren Überlegungen vernachlässigen wollen.

Im Gegensatz dazu ändert sich die Menge anderer Wirtschaftsgüter teilweise dramatisch und jetzt wird die Sache interessant. Von den Verfechtern des Papiergeldes wird postuliert, daß neues Geld in dem Umfang entstehen muß, wie „auch neue Güter und Dienstleistungen hervor gebracht werden“. Nehmen wir jetzt in unserer Wirtschaft an, daß sich durch Innovationen der Aufwand für den Bau von Computern halbiert, so daß jährlich doppelt so viele Computer hergestellt werden können. Was passiert in diesem Fall in den verschiedenen Geldsystemen?

Bei einem Goldstandard reduziert sich der Preis für Computer um 50 %. Das heißt nichts anderes, als daß doppelt so viele Computer benötigt werden, um Autos oder andere Dienstleistungen zu ertauschen. Da alle anderen Tauschverhältnisse, also z.B. Arbeit gegen Autos gleich geblieben sind, hat sich der Wohlstand erhöht, da für die selben Tauschverhältnisse jetzt 2 statt 1 Computer gekauft werden können. Die Geldmenge mußte nicht erhöht werden. Es gibt keine Inflation, sondern, falls Computer im Warenkorb enthalten sind, sogar eine Deflation (sinkendes Tauschverhältnis von Geld=Gold zum Warenkorb). Diese Deflation (keine Depression) ist jedoch völlig unproblematisch, da sich ja nur das Tauschverhältnis zwischen Gold und Computern geändert hat. Gleichzeitig hat sich aber auch das Tauschverhältnis von Autos zu Computern erhöht, was man auch als Inflation bezeichnen könnte. Die Gewinnspannen der Unternehmer bleiben konstant und Investitionen können, wie zuvor, getätigt werden. Unter sonst gleichen Bedingungen profitieren alle von den niedrigeren Umtauschverhältnissen zum Produkt Computer.

Aus diesem Beispiel kann auch abgeleitet werden, wie bei einem Goldstandard Geld=Gold für Investitionen freigesetzt wird. Geld=Gold, das z.B. durch Arbeit erwirtschaftet wurde und beim Tausch gegen einen Computer nicht benötigt wird (steigendes Realeinkommen), könnte einem Unternehmer gegen die Zahlung eines niedrigen Zinses zur Verfügung gestellt werden.

Bei einem Papiergeldsystem wäre das Tauschverhältnis von Papier zum Gold aufgehoben und die Geldmenge würde entsprechend der Menge der zusätzlich produzierten Computer ansteigen. In unserem obigen Beispiel würde die Geldmenge um den Gegenwert von 10 Mio Computer ansteigen, was einem Gegenwert in Papiergeld von 30.000.000.000 Mark entspricht. Die Geld-menge hätte sich verdoppelt. Das Tauschverhältnis zwischen 1 Computer und dem Papiergeld bleibt konstant bei 3.000 Mark für 1 Computer. Das Tauschverhältnis von Gold zu Computer verändert sich jedoch von 300 auf 150 Gramm für 1 Computer oder von 10 auf 20 Computer für
1 Auto. In Papiergeld ausgedrückt steigt der Preis für 1 Gramm Gold auf 20 Mark und der Preis für 1 Auto auf 60.000 Goldmarkt. Dies ist exakt das Wesen der Inflation durch die Ausweitung der Geldmenge.

Nebenbemerkung: Obwohl die Geldmengen um jährlich 8-10 % gewachsen sind, konnte auch im Papiergeldsystem ein Verfall der Computerpreise beobachtet werden. Das lag daran, daß das Innovationstempo schneller war, als die Geldmengenausweitung. Trotz fallender Computerpreise spricht jedoch niemand von einer Deflation oder Depression in diesem weltweit boomenden Wirtschaftszweig.

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt im Papiergeldsystem, nämlich der Verteilungskampf. Diejenigen, die in der Lage sind, Kredite aufzunehmen, um Wirtschaftsgüter zu kaufen, die sich der ausgeweiteten Geldmenge entsprechend verzögert im Preis anpassen, sind die Gewinner der Entwicklung. Die Verlierer sind auf der anderen Seite diejenigen, die um Lohn- oder Rentenerhöhungen kämpfen müssen, um die alten Umtauschverhältnisse wieder herzustellen. Diejenigen, die in der Lage sind, zu erkennen, daß der aufgeblähten Papiergeldmenge unterbewertete andere Güter gegenüberstehen (Rohstoffe, Gold, Immobilien, …) und in der Lage sind, diese zu kaufen, sind in diesem System klar im Vorteil. Dieser Vorteil wird genutzt, was an explodierenden Gehältern im Bankensektor abzulesen ist. Von der „segensreichen Inflation“ profitieren einige überdurchschnittlich und andere verlieren sogar dabei, obwohl weitere Fortschritte in der Technik gemacht werden und der Gesamtwohlstand wächst.

Um auf unsere heutige Situation zurückzukommen: Die Geldmenge ist seit 1968 weitaus stärker gestiegen als die Menge an anderen Wirtschaftsgütern. Dadurch sind die Preise gestiegen (oder die Qualität hat sich bei gleichbleibenden Preisen verschlechtert). Für Gold gilt, daß der Preis deutlich zurückgeblieben ist. Diejenigen, die Gold in den Jahren 1999 bis 2001 von den Zentralbanken Großbritanniens, der Schweiz und anderer Zentralbanken erwerben konnten, sind die großen Gewinner des „Tauschspiels“. Diejenigen, die auf Urlaubs-, Weihnachtsgeld und Rentenerhöhungen verzichtet mußten, sind die Verlierer. Und für die Gold- uns Silberfans: Im Verhältnis zur Geldmengenausweitung bleiben Gold und Silber immer noch „billig“.