05/07 Diskussion über den Goldstandard (4. Teil) PDF Drucken E-Mail

In den ersten beiden Teilen der Diskussion wurden die Vorteile des Goldstandards gegenüber dem aktuellen Papiergeldsystem und die Wirkungsweise des Goldstandards an einem vereinfachten Wirtschaftsmodell dargestellt. In dem Modell wurde aufgezeigt, daß bei einem Goldstandard Innovationen zu fallenden Preisen bestimmter Produkte führen können und daß die Inflationierung in einem Papiergeldsystem Verteilungsungerechtigkeiten verursacht. Es wurde auch aufgezeigt, wie bei einem Goldstandard Geld für Investitionen bereitgestellt wird. Im dritten Teil wurde verdeutlicht, daß für das Wohlstandswachstum keine Ausweitung der Geldmenge notwendig ist und daß es ein Irrglaube ist, daß die Erhöhung der Geldmenge zu einer Erhöhung der Einkommen führt. Im Gegenteil führt die permanente Ausweitung der Geldmenge zu einer Umverteilung und zum volkswirtschaftlich unnötigen Aufbau von Finanzblasen (z.B. der Derivateblase mit einem Volumen von 270.000 Mrd $ und alleine 2006 zu Bonuszahlungen der New Yorker Banken in Höhe von 36 Mrd $.

Die ausführliche Diskussion können Sie auf http//:www.instock.de/NiquetsWelt/10169891 nachlesen. Mit folgendem Kommentar hat sich der Initiator Herr Niquet aus der Diskussion verabschiedet:

„Mit weihnachtlicher Freude bin ich in die Wirtschaftswelt, die Sie in Ihrem „Goldmarkt“ zeichnen, eingetreten. Ja, welcher Romantiker könnte sich überschwengliche Luftsprünge versagen, wenn er doch nur eine geringen Chance hätte, in einer Welt leben zu können, in welcher der Wohlstand nur durch Fleiß und Arbeit entsteht und die Menschen nicht den Machenschaften der Geldlobby ausgeliefert sind und deren gigantischem Enteignungssystem für alle Ehrbaren und Aufrechten auf dieser Erde. Was für eine Anziehungskraft so etwas besitzt! Ich kann es gut nachempfinden. Und ach, wenn wir doch alle nur glücklich arbeitende und fleißig seiend genüßlich Bergkristalle gegeneinander tauschen könnten anstatt uns dem brutalen Kreditmechanismus und seiner Zinskeule unterwerfen zu müssen.

Leider jedoch sitze ich in einer Denkfalle, schreiben Sie. Die Verankerung meiner Gedanken im aktuellen Papiergeldsystem ist so stark, daß ich die Alternativen nicht sehen kann. Und ich denke, da haben Sie Recht. Ich nenne das allerdings nicht „Sitzen in der Denkfalle“, sondern „Verankerung in der Ökonomischen Theorie und Realität“. Es ist wirklich eine Tragik, doch ich muß für mich wohl akzeptieren, daß ich mich nach dem Eldorado zwar sehne, es aber nicht sehen kann.

Sie, lieber Herr Siegel, versuchen, die Ökonomie von Grund auf neu und anders zu denken. Und nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Ausgestaltung der Realität. So etwas entbehrt natürlich nicht einer gewissen Schwere und Tragik. Doch ich kann Sie gut verstehen, denn wer von uns hat niemals versucht, die Welt von Grund auf neu zu denken und neu zu schaffen. Ich glaube, gerade wir Deutschen können hiervon ein deutlicheres Lied singen als unsere angelsächsischen Vettern. Ja, da sitzen Sie nun oben in Ihrer güldenen Veste, Herr Siegel, und die anderen, die Unverständigen, Unverstehenden und Ungläubigen, sie sind tief unten im Tal einer Denkfallen gefangen.

Doch wie sollen sie sich aus dieser Denkfalle befreien? Bei jedem Satz, den sie anfassen, den sie als Anfang eines für sie völlig unverständigen Gebildes nähmen und an dem sie das Gebilde, das sie einzig aus der Denkfalle herauf führen soll, aufzurollen versuchten, würde ihnen sofort in den Fingern zerfallen. Jeder einzelne Satz erwiese sich als völlig unverständlich für einen Ökonomen, der der Gefangenen jedoch ist, und bestenfalls als ein Anachronismus. Und welches lebende Wesen würde die Zeit, die Mühe und die Geduld aufbringen, auch nur die wichtigsten dieser in sich zerbröselnden Fäden zu einem Strang zu bündeln und weltgerecht auszurichten?

Ach, schreckliche Welt, könntest du doch in Wirklichkeit so sein, wie uns berichtet, wie sehr würden wir dich lieben, so daß wir dir wohl selbst unser eigenes Leben dir zu Füßen legten, nur damit du eine Chance auf Verwirklichung hättest! Doch leider verstehen wir die Botschaft nicht. Die Worte hören wir wohl, doch unser Geist ist nicht in der Lage, ihren Sinn zu erfassen. Vielleicht ist das, was Sie schreiben, lieber Herr Siegel, alles in sich geschlossen und stimmig. Ich frage mich nur, wer jemals darüber urteilen und wer das erkennen sollte, wenn dem tatsächlich so wäre. Mir ist es jedenfalls ein Buch mit sieben Siegeln, die ich allesamt lieber ungeöffnet lasse.“

Wer nicht, wie Herr Niquet, „das Buch mit sieben Siegeln“ lieber ungeöffnet lassen will, sondern sich ernsthaft mit der Realität des in der Praxis über Jahrhunderte bewährten Goldstandards beschäftigen möchte, empfehlen wir vor allem die Bücher. „Das Silberkomplott“ von Reinhard Deutsch und „Die Kreatur von Jekyll Island“ von G. Edward Griffin aus dem Kopp-Verlag. Viele der von unseren Lesern aufgeworfenen Fragen werden in diesen Büchern schlüssig und einfach beantwortet.

Im Zusammenhang mit der Diskussion erreichten uns zustimmende Kommentare, aber auch einige weiterführende Fragen, auf die wir nach Möglichkeit eingehen wollen.

Ein Leser bemerkt: „Der Mann (Herr Niquet) hat, soweit er sich überhaupt geführt hat, jede sachliche Argumentation aufgegeben und statt dessen auf Ihre persönliche Diffamierung als weltfremder Sonderling oder gar Spinner umgeschaltet“.

Ein Leser schreibt: „Ein Goldstandard wäre sicherlich zu begrüßen, wird aber nach allem was ich in den letzten Monaten gelesen habe, erst nach einer Revolution einzuführen sein. Es hängen zu viele dekorierte Professoren und Doktoren am Status Quo und am Freßnapf, als daß dieser Papiergeldzustand mit Vernunft zu beseitigen wäre. Leider!“

Kommentar: Neben den Auswüchsen an den Papiergeldmärkten (die Hedgefonds finanzieren selbstverständlich beide Seiten des US-Wahlkampes, vgl. Meldung vom 14.02.07) wird der Papiergeldstandard im eigenen Interesse natürlich von denjenigen „wissenschaftlich“ untermauert, die hervorragend von ihm leben (vgl. Meldung vom 06.03.07 in dieser Ausgabe).

Leser: „In den 70er Jahre veröffentlichte die Morgan Trust Company eine Studie über die Ursachen der Inflation. Das einfache Resümee: …die Regierungen der Staaten geben zuviel Geld aus… Daraus läßt sich schließen: 1. Weder mit oder ohne Goldstandard läßt sich vermeiden, daß es zu Inflation kommt…“

Kommentar: Die falsche Schlußfolgerung des Lesers ergibt sich aus der Grundannahme, daß die Studie der Morgan Trust Company zu einem richtigen Ergebnis gekommen ist. Tatsächlich ist das Ergebnis der Studie falsch, was auf das Interesse der Morgan Trust Company zurückzuführen ist, das Papiergeldsystem, von dem die Bank hervorragend lebt, zu verteidigen. Das Beispiel zeigt in typischer Weise, wie wir „wissenschaftlich“ manipuliert werden.

In Bezug auf unser konstruiertes Beispiel bemerkt ein Leser: „Die anfängliche Gold- bzw. Geldmenge muß nicht 30.000.000.000 sondern 60.000.000.000. bzw. 6.000 t sein, denn der Wert von 1 Mio Autos und 10 Mio Computer sind ja zu addieren.“

Kommentar: Aus unserer Sicht liegt hier ein typischer Denkfehler vor, denn die Geldmenge mußt nicht die Gesamtsumme aller Güter umfassen. Theoretisch könnten z.B. die weltweiten Wälder oder das Wasser der Ozeane mit Milliardenbeträgen bewertet werden. Diese Summe muß aber nicht durch die Geldmenge abgebildet sein. Die Goldmenge (Geldmenge) muß nicht identisch sein mit dem addierten Gesamtwert aller Güter. Die Menge der Autos ist auch nicht abhängig von der Menge der Computer. Es gibt vielmehr einzelne Blöcke, die unabhängig voneinander und austauschbar sind: Computer, Autos, Goldmenge (Geldmenge), Wälder…

Einen der wichtigsten Punkte spricht ein Münchner Vermögensverwalter an, der als Gründungs-vorstand der Deutschen Edelmetallgesellschaft unter anderem auch die Remonetisierung von Gold und Silber verfolgt. Es geht um die Wirkung der Zinsen in einem Goldstandard:

„In einer statischen Goldgeldwelt ohne Minenneuproduktion und somit mit einer dauerhaft fixen Geldmenge kann es –wie Sie zurecht beschreiben- z.B. durch Innovationen / effizientere Produktionsmethoden zu Deflation auf Teilmärkten kommen, die aber kein Problem darstellt, weil die Menschen sie als positiv / als Wohlstands-mehrend empfinden. Soweit D'accord. Was ist aber nun, wenn in diesem System Kredite vergeben werden, die (das war selbst im 19. Jhdt. so) natürlich zinsbehaftet sind – auch wenn der Zinssatz möglicherweise ohne die nicht mehr einzupreisende Inflationskomponenten niedrig gehalten werden kann?

Die auflaufenden Zinsen und Zinseszinsen werden in einem starren Goldgeldsystem jedoch nicht „kreiert“! Selbst im Falle der völligen Tilgung der ursprünglichen Schuld bleibt die Zinsforderung so lange stehen, bis auch diese vom Schuldner beglichen ist. Woher soll aber diese zusätzliche (!) Goldgeld kommen? Es kann nur aus einer Umverteilung der Geldmittel stammen. Bei einer kleinen Schuld schluckt das System das problemlos. Sollten jedoch Schulden (so wie heute auch, warum sollte das im Goldgeldsystem anders sein?) viele Schulden lange stehen bleiben und/oder immer wider prolongiert werden, so häufen sich im Laufe der Zeit immer mehr Zins- und Zinsenzinsschulden bzw. –forderungen im System auf. Im Goldgeldsystem übersetzen sich diese Schulden/Forderungen aber direkt in Goldschulden/-forderungen. Gold, das nicht mitkreiert wird und somit (in Summe) nach einigen Jahrzehnten der Laufzeit des Goldgeldsystems nicht mehr rückzahlbar sein wir, ohne daß (wegen der exponentiellen Eigenschaft der Zinseszinskurve) das gesamte Weltgold in die Hände weniger Großgläubiger gewandert wäre und die reale Wirtschaft somit tatsächlich kein Gold mehr zum Wirtschaften hätte!

Das Problem an sich ist kein spezifisches eines Goldsystems, sondern stellt sich in jedem Zins-behafteten Geldsystem. Es ist nur so, daß Papiergeld-Systeme es eben durch regelmäßiges „ins-System-bringen“ von neuem Papiergeld (=Drucken) zumindest kaschieren können! „Lösen“ können sie das Problem natürlich auch nicht – und das wegen der exponentiellen Zinsforderungen im System immer exzessivere Gelddrucken führt natürlich wie wir alle wissen ebenfalls zum (meist hyperinflationären Kollaps. Trotzdem können Papiergeldsysteme auf diese Weise lange (=mehrere Jahrzehnte) das Grundproblem verstecken und den Kollaps verzögern.

Wie würden Sie argumentieren, daß in einem starren Goldgeldsystem dieses Problem eben nicht auftritt oder sich lösen läßt?? Ich habe bislang keine Antwort gefunden, halte diese Antwort aber für zwingend, bevor wir daran denken sollten, nach dem nächsten Papiergeldcrash wieder eine Goldwährung einführen zu wollen. Ansonsten wird auch dieses System nach wenigen Jahrzehnten kollabieren – wahrscheinlich deflationär (daß dies im 19. Jhdt. nicht geschehen ist, könnte durchaus mit exogenen Sonderfaktoren zusammenhängen – wie z.B. kein weltweites System, physischer Zuwachs der Welt-Goldvorräte durch Minen-Förderung, vorzeitiges gewaltsames Ende des Systems durch den Beginn des 1. WKs, u.a.).

Kommentar: Das Problem der Zinszahlungen für Kredite bei einem Goldstandard ist nach unserer Einschätzung ein zentrales Problem, das nur mit Eingriffen durch die Steuerpolitik abschließend gelöst werden kann. Ein Teil der Antwort ist bereits in der Frage enthalten. Da kein zusätzliches Gold in das System kommt, muß es zu einer Umverteilung der Geldmittel kommen. Nehmen wir an, es gibt 3 Marktteilnehmer A, B und C, die jeweils über 100 Goldmark verfügen. A nimmt von B einen Kredit in Höhe von 10 und einem Zins von 1 auf, setzt die Mittel produktiv ein und verkauft ein Produkt an Marktteilnehmer C mit einem Gewinn. Jetzt kann A den Kredit und Zinsen an B bezahlen. Nach dem Vorgang hat A 100 Goldmarkt, B 101 Goldmark und C 99 Goldmark. C hat im Gegenzug zu seiner Goldmark ein Produkt „getauscht“. Die gesamte Goldmenge (Geldmenge) bleibt konstant. Nehmen wir an, die Investition geht daneben und die von A hergestellten Produkte sind unverkäuflich. In diesem Fall würde sich das Vermögen von B (oder A, je nach Kreditvertrag) auf 90 Goldmark reduzieren und andere Marktteilnehmer (D, E, F…), die ihre Produkte oder Leistungen (Investitionen) mit A getauscht haben, hätten das Gold. Auch in diesem Fall würde die Goldmenge (Geldmenge) konstant bleiben. Wir hätten keine kleine deflationäre Krise, da die unverkäuflichen Produkte auf das Preisniveau drücken würden.

Vielleicht wäre es auch unter einem Goldstandard möglich, größere Vermögen aufzuhäufen. Ganz sicher ist aber, daß die Umverteilung viel langsamer verläuft. 1. Die Zinsraten wären bei einem Goldstandard viel niedriger, da nicht ständig gegen eine Inflation angekämpft werden muß und das Preisniveau tendenziell eher sinkt. 2. Da Fehlinvestitionen viel schneller scheitern würden, da eine ungedeckte Weiterverschuldung nicht akzeptiert würde, würde sich auf die gesamte Kreditvergabe auf einem viel niedrigeren Niveau einpendeln. Rettungsaktionen für marode Betriebe wären viel schwieriger und praktisch nur mit neuem Eigenkapital möglich. Durch viele kleinere Krisen würden immer wieder Investitionen scheitern, so daß Kreditgeber häufiger ihre Zinsansprüche oder gar ihre Kreditsumme als Fehlinvestments abschreiben müßten. Jedenfalls wäre die heutige irrsinnige Anhäufung von Milliardenforderungen, denen Milliardenschulden gegenüberstehen, die auch nicht ansatzweise ausgeglichen werden könnten, nicht möglich. 3. Auch bei einem Goldstandard ist es möglich, Vermögensspitzen, die bei sehr erfolgreichen Kreditgebern angehäuft werden, durch Steuern (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer) wieder der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Abschließend eine Einschätzung von Gregor Hochreiter in einem Artikel aus dem Rohstoff-Spiegel, Ausgabe 02/07: „Die Einbettung des Geldes in eine gesamtgesellschaftliche Lebensphilosophie formulierte der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter dereinst kurz und bündig: „Der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände“. Nimmt ein nicht beliebig vermehrbares Gut wie Gold die Position des Geldes ein so konzentriert sich die Bevölkerung auf den nachhaltigen Aufbau von materiellen wie immateriellen Werten, betont die Investitionen und die gesellschaftliche Stabilität, die sich in niedrigen Scheidungsraten, lebenslangen Freundschaften und in der Einhaltung von privatrechtlichen Vereinbarungen manifestiert. In seinem empfehlenswerten Buch „Die West von Gestern“ bezeichnet Stefan Zweig nicht ohne Grund die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als „Goldenes Zeitalter“. Im Umkehrschluß gilt natürlich auch, daß ein beliebig vermehrbares Gut als Geld, wie im Falle von Papier, auf eine grundlegende Änderung der Lebenseinstellung der Bevölkerung hinweist, die dem Konsum, dem schnellen Rausch und dem Wohlstand durch Glücksspiel, Spekulation und auf Pump ebenso anhängt wie ungedeckten Scheinwerten“.